Geschichte und Erinnerungen von Adrianna Bogucka
Als das Dritte Reich die zweite polnische Republik am 1. September 1939 angegriffen hatte, wussten viele nicht, dass Adolf Hitler mit seiner Wehrmacht und Verbündeten in nur zwei Jahren fast ganz Europa erobern würde. Am 21. Juni, einen Tag vor der Operation Barbarossa, fing Hitlers Reich an der französischen Atlantikküste an und endete in Ostpolen. Obwohl in fast allen eroberten Ländern neue Kollaborateur-Regime gebildet worden waren (Vichy Regime, Ustascha, etc.), gab es auch verschiedene Widerstandsorganisationen und -armeen.
Polen war im Vergleich zu anderen Okkupationsgebieten ein Sonderfall, in dem die Nazis ein Generalgouvernement unter der Leitung eines Deutschen (Hans Frank) gegründet hatten. Die polnische Mehrheit sollte da nur Sklaven, ohne Bildung, Kultur oder Nationalbewusstsein sein, die für die Herrenrasse arbeiten sollten. In ein paar Monaten wurde eine neue Widerstands- und Militärorganisation von den Resten der polnischen Armee und Soldaten gegründet. Die „polnische Heimatarmee“ war ein sehr effektiv funktionierende „Untergrundstaat“, der aktiv gegen die Besatzungsmächte kämpfte.
Menschen, die damals in Polen lebten - sowohl Erwachsene als auch Kinder - mussten entscheiden, ob sie zusammen mit der AK (Heimatarmee) gegen Nazis kämpfen oder in dieser neuen Realität versuchen wollen, zu überleben. Eines von diesen Kindern war Adrianna Bogucka, die im Jahr 1939
7 Jahre alt war und in Warschau lebte. Ihre Geschichte zeigt uns, wie schwer und grausam es war, im besetzten Polen ein Pole zu sein und was ein unschuldiges Kind in Zeiten des Krieges erleben musste.
Adrianna Bogucka verbrachte ihr ganzes Leben in der Hauptstadt Polens. Ihre Eltern kommen beide ursprünglich aus der Olesińska Straße, aus dem Viertel Mokotów; der Vater aus der Nummer 11, die Mutter aus der Nummer 13. Ihr Vater - Straßenbahnfahrer - starb 1938 und hinterließ seine Frau allein mit zwei Kindern.
Frau Bogucka wurde vor dem Aufstand von deutschen Soldaten mehrmals angeschrien und angetreten. Sie ging auf die Straße nur in einer größeren Gruppe neben ihrem Wohnblock, da ihre Eltern sie immer gewarnt hatten, sich aus Sicherheitsgründen nicht weit zu entfernen. Die Soldaten waren immer zu dritt, weil sie angeblich Angst vor den Polen hatten - sie wussten, dass es eine Organisation gab und dass Polen existierte. Als Frau Adrianna während dieser Zeit “Stopp” hörte, fiel sie sofort auf den Knien: “Es ging über die Kräfte eines Kindes, diese Angst.” Die Kinder waren für sie nur “polnische Schweine” oder “Bandite”.
Am ersten August gegen 17 Uhr befand sich Adriana, 12, gemeinsam mit einer Freundin und ihrem 4-jährigen Geschwister im Park Dreszera in der Puławska Straße. Auf einmal schrieen Jungen in der Nähe: “Kinder, läuft weg! Ein Widerstand findet statt!”. Frau Adrianna und ihre Freundin fingen an zu lachen, da sie dachten, dass es ein Scherz ist. Nachdem das Bezweifeln zum Schluss kam, begannen sie sich zu dritt Richtung ihren Häusern, die Freundin und das Baby sind aber nicht mehr zu ihrem Haus gekommen und hielten sich bei Frau Adrianna an.
Bereits am vierten Tag des Warschauer Aufstandes beschlagnahmten die Deutschen diese Straße - alle Bewohner wurden in den Keller des Hauses Nummer 5 gezwungen. Ohne irgendetwas bei sich zu haben, wurden die Kostbarkeiten von allen, die kamen, mitgenommen. Das Haus war zugemauert, die Fenster vergittert, die Türen vernagelt. Sie warfen Granaten hinein. Die Bedingungen im Keller waren grauenhaft - es gab so viele Menschen, dass sie zu ersticken drohten. Es sei unbeschreiblich, über Lebende und Tote zu den hohen Fenstern zu klettern, so Frau Bogucka. Durch diese Gitterstäbe zogen sie die Menschen, die sich hindurchzwängen konnten, und der Rest blieb. Das Haus Nummer 7 ging in Flammen auf. Diejenigen, die es nach draußen geschafft hatten, kletterten auf einen hohen alten Mülleimer und sprangen über den Zaun. Als die Deutschen dies bemerkten, begannen sie mit Maschinengewehren zu schießen. Es gab so viele Verwundete, die noch lebten, verbrannte Gesichter ohne Gewebe, Menschen, die sich in den Boden eingruben und ihre Gesichtsteile sammelten. Sie verbrachten die nächsten zwei Tage in den Weinbergen, im Haus nebenan. Frau Adriana wurde mit verbranntem Haar verwundet und hatte Granatsplitter im Rücken, von denen sie angeblich nichts spürte. Ein Aktivist des Roten Kreuzes kam ebenfalls und war trotz des spärlichen Erste-Hilfe-Kastens gerne bereit, als Sanitäter zu helfen. Die nächsten Tage verbrachte die 12-Jährige in der Olkuska-Straße und anschließend im Krankenhaus in der Malczewskiego-Straße als leicht bekleidete und misshandelte Obdachlose.
Die Aufnahme des Widerstands war ein Selbstläufer, sagt Frau Bogucka. "Die Besatzung zu überleben, die Schande, die Tritte, die ich als Kind bekommen habe, waren geradezu unmenschlich, und das alles nur, weil man ein polnisches Schwein ist. Die Aufteilung der Straßenbahnen, die Geschäfte, unter anderem in der Belgijska- und der Rejtana-Straße, wo es alles gibt, und ich bin hungrig und habe nichts zu essen. Als ich von der Schule kam, gab es eine Scheibe, nicht mehr, die mit Knoblauch beschmiert war." Ihre Mutter weinte oft und ihr Bruder ging im Herbst für sogenannte Pokopki, gefrorene Lebensmittel aus dem Boden zu sammeln. Sie wussten zudem nicht, wie Butter und Milch schmecken - ihre Mutter wollte nicht das Leben ihrer Kinder riskieren. Jeden Moment konnten die Deutschen kommen und die Wohnung plündern. Als sie einmal ein Wollknäuel im Kleiderschrank sahen, hielten sie es für eine Granate. "Ich dachte, er würde uns umbringen. Das Klappern der Stiefel - die Treppe war aus Holz, der Flur lang - hörte ich noch lange nach der Befreiung. Und diese Tritte, diese schwarzen Schuhe mit den Fersen - ich habe heute noch Narben, und das ist 70 Jahre her.”
Unmittelbar nach dem Einmarsch besetzten die Deutschen die Schule in der Różana-Straße, die allein aus diesem Grund bis heute erhalten ist. Damals war sie mit vierfachem Stacheldraht umzäunt. Am 27. Juli, als die Deutschen das Lager verließen, trugen die Menschen - zusammen mit Frau Bogucka - Holzmöbel für Brennholz heraus.
Eines Tages, als sie im Alter von 11 Jahren von der Schule nach Hause kam, wurde sie Zeugin der Hinrichtung von 100 Polen an der Pulawska-Straße in der Chocimska-Straße.
“Am 4. August habe ich alles verloren, was ich zum Leben brauche, ich wurde obdachlos.” Nach 13 Monaten Wanderungen kehrte sie mit ihrer Mutter nach zerstörten Warschau zurück. Sie sind in einen Keller eines ausgebrannten Hauses an der Dolna-Straße ohne Wasser, Licht und Kanalisation eingezogen, wo Adrianna bis zum Tag ihrer Hochzeit war. Es gab kein Licht, kein Wasser, keine Kanalisation.
Im kommunistischen Polen arbeitete Frau Ada zunächst in der Hauptverwaltung der Papierindustrie als Rechnungsführerin und wurde dann für zwei Jahre in die Maschinenhalle versetzt, wo man im Akkord arbeitete und mehr verdienen konnte. Die nächsten 7 Jahre war sie als Sekretärin tätig und dann 6 Jahre als Buchhalterin im Ruhestand. "Diese Rationskarten, diese Rationen, diese gelben Vorhänge in den Geschäften, die Gutscheine für Knochenfleisch - es war wirklich sehr erniedrigend. Es gab auch den Różycki-Basar, auf dem man diese Bezugsscheine kaufen konnte, was ich nicht getan habe. Es war wie zu Zeiten der Besatzung in Geschäften, die explizit den Deutsche gewidmet wurden, wo alles vorhanden, aber für Polen unzugänglich war."
Die schrecklichen Erlebnisse hatten für Frau Bogucka viele dauerhafte Folgen: “Bis zum Ende des Lebens werde ich mich an diese Gesichter von verbrannten Menschen erinnern, die sich noch am Boden graben, noch am Leben. Es wird niemals vergehen, niemals.” Sie konnte, unter anderem, bis zum 60. Lebensjahr darüber nicht sprechen, sogar mit ihrem Mann, der auch in der AK tätig war. Heutzutage spaziert sie in der Olesińska-Straße viel.